IM STROHDACH DER niedrigen Hütte war ein Loch. Conn hatte es entdeckt, kurz nachdem er zu sich gekommen war, und jeden Morgen beobachtete er nun, wie das einfallende Licht der Dämmerung die Farben der Lehmwände veränderte: stahlblau, lavendel, golden. Erst wenn sich die Sonne vollends über den Horizont erhoben hatte, war die eigentliche Farbe der Wände zu erkennen, ein hässliches Ockergelb, das durch die Trockenheit einen leichten Graustich bekommen hatte.
Den lieben langen Tag wanderte ein Lichtfleck durch die Hütte. Der junge Prinz schätzte, dass er etwa eine Stunde nach Mittag das Kopfende seines Lagers erreichte. Das grelle Sonnenlicht war seinem hämmernden Kopfschmerz nicht gerade förderlich und so achtete Conn peinlich genau darauf, in dieser Zeit das Gesicht zur Wand zu drehen und die Decke als Lichtschutz über sich zu ziehen, bis der Lichtstrahl an der Wand weitergezogen war.
An diesem Tag - es war der dritte nach seinem unglücklichen Aufeinandertreffen mit Millan, dem gerade verstorbenen Soldaten seines Vaters -, war er jedoch kurz vor Mittag wieder eingeschlafen. Ein fürchterliches Kitzeln in der Nase weckte ihn. Einen Moment lang blinzelte er in das grelle Sonnenlicht, dann musste er gewaltig niesen.
Gebrochene Nase, Gehirnerschütterung, zwei angeknackste Rippen, hatte Alik nüchtern erkannt, als er sich nach seinem Zustand erkundigt hatte. Das Schicksal meinte es augenblicklich wirklich nicht besonders gut mit ihm. Er stöhnte leise, während ihm Tränen über das Gesicht liefen, drehte sich behutsam zur Wand, zog sich die Decke über den Kopf und beschloss, sich für den Rest des Tages nur noch elend zu fühlen. Es war nicht das erste Mal, dass er sich die Nase gebrochen hatte, doch waren die Schmerzen auch ohne Niesen schon gemein genug.
Draußen war kein Geräusch zu hören. Die Mittagshitze trieb die Leute in den Schatten ihrer Hütten. Doch dann begann ein Stück weit entfernt ein Köter zu kläffen und wurde aufjaulend zum Schweigen gebracht.
Mit einem Mal bekam die Stille eine andere, eine bedrohliche Beschaffenheit. Conn zog sich die Decke vom Kopf und lauschte angestrengt.
Sand knirschte unter einer Sohle. Eine Stimme flüsterte einen Befehl. Und dann zog jemand unmittelbar vor der Tür eine lange Klinge aus einer Scheide.
Das war nicht die Zeit, im Bett zu bleiben und abzuwarten, wie sich die Dinge jenseits dieser vier Wände entwickeln würden. In der engen Hütte saß er fest wie in einem Käfig!
Er setzte sich auf und versuchte, tief durchzuatmen. Er kannte das schon. Jedes Mal, wenn er den Kopf hob, wurde ihm schlecht. Und die gequetschten Rippen ließen ihn nicht genug Luft holen.
Sein Schwert lehnte in der gegenüberliegenden Ecke an der Wand. Er schlich sich hinüber und ließ es ganz behutsam aus seiner Lederscheide gleiten. Es war keine schöne Waffe, ganz gewiss nicht. Doch er hatte sie nach seinen eigenen Vorstellungen selbst geschmiedet und sie lag ihm besser in der Hand als jede andere Waffe, die er probiert hatte.
Kurz entschlossen ging er zur Tür, riss sie auf und sah sich um. Nein, es ging ihm nicht gut, aber das durfte keiner merken.
Das Feuerwesen saß im Schneidersitz nicht weit vom Eingang, ein Kurzschwert nachlässig über den Schenkeln. Unweit von ihm lehnte Eora im Schatten an der Hüttenwand, die blanke Klinge in der Hand. Es war ein Bild, das man nicht alle Tage sah.
Der junge Ritter zog belustigt den linken Mundwinkel hoch, gerade so weit, dass seine Nase nicht schmerzte.
„Na?“, wandte er sich an Morrin und deutete auf die Waffe auf ihrem Schoß. „Haltet Ihr Euer Schwert warm?“
Er hatte ihr die schroffe Art, mit der sie ihm begegnet war, noch nicht verziehen, und die Gelegenheit war einfach zu günstig, um sie ungenutzt verstreichen zu lassen.
Der Blick, der ihm antwortete, war eisig, doch Conn achtete nur flüchtig darauf. Er schaute in die Runde, zu den Männern seines Vaters, die sich unter den Vordächern der angrenzenden Hütten lümmelten. Doch der Schein trog. Die Soldaten dösten nicht.
Am gegenüberliegenden Ende des staubigen Platzes, um den sich die Hütten scharten, hatten sich die Dörfler zusammengerottet, bewaffnet mit allerlei Feldgerät, Heu- und Mistgabeln, Dreschflegeln, Messern und Stöcken. Conn hatte bereits mitbekommen, dass sie hier nicht mehr erwünscht waren, seit sich Morrin und Eora in ihrer Gesellschaft befanden, doch dass die Lage so ernst war, hatte er nicht vermutet. Sicherlich stellten die Dorfbewohner, auch wenn sie zahlenmäßig überlegen waren, keine ernste Gefahr für die gut ausgebildeten Soldaten dar. Es widerstrebte Conn jedoch, sich mit den Leuten zu schlagen, deren Gastfreundschaft sie genossen hatten, als sie kalt und durchnässt aus dem Unwetter gekommen waren.
Alik schien seine Gedanken zu teilen, denn er erschien in der Tür der Hütte rechts neben ihnen, sah ihn und kam herüber. „Wie geht es dir, Junge? Kannst du reiten?“
Conn nickte. „Es wird schon gehen. Ich will hier keinen Ärger haben.“
Alik legte ihm behutsam die Hand auf die Schulter. „Dann lass uns keine Zeit verschwenden!“
Kaum eine Viertelstunde später waren sie bereits unterwegs. Unter den Schmährufen der Bewohner Jersinas ritten sie hinaus in die heiße Steppe. Nachdem jedoch eine Stunde vergangen war, fragte sich Conn, ob er es nicht doch auf eine Auseinandersetzung mit den Dörflern hätte ankommen lassen sollen. Sein Hirn war wie Brei in seinem Kopf. Es schien hin- und herzuschwappen, und wenn es an seinen Schädel anstieß, drehte sich ihm der Magen um. Endlich musste er sich übergeben, doch die Erleichterung, auf die er gewartet hatte, blieb aus.
Eora überraschte ihn schließlich mit einem Sonnenhut, den sie aus dem graugrünen Steppengras geflochten hatte, während sie schweigend neben Morrin hergegangen war. Jetzt, da er nicht mehr der prallen Sonne ausgesetzt war, fühlte er sich tatsächlich ein wenig besser.
„Ich kümmere mich schon um Euer Pferd.“
Conn wusste die Geste durchaus zu schätzen, bezweifelte aber, dass die unerfahrene Eora mit einem eigenwilligen Tier wie Thoresson zurechtkommen würde. Er war überrascht, als er sah, dass der Rappe unter ihrer Berührung zwar die Ohren anlegte, ansonsten jedoch still stehen blieb, während die junge Frau den Sattelgurt löste.
Er warf einen Blick hinüber zu Morrin. Das Feuerwesen hatte sich der Länge nach im Gras ausgestreckt und schien augenblicklich eingeschlafen zu sein. Das nahm nicht Wunder. Morrin war als einzige den ganzen Tag über zu Fuß unterwegs gewesen. Auch wenn sie nicht schnell geritten waren, hatte sie doch die gesamte Strecke im Laufschritt zurücklegen müssen. Er fragte sich allerdings, ob die Zauberin mithalten konnte, wenn er wieder vollends genesen war. Aufgrund seiner Unpässlichkeiten hatten sie heute kein volles Tagespensum geschafft. Ja, in der Ebene wirkte die zurückgelegte Strecke geradezu lächerlich gering. Sie befanden sich am nordwestlichen Ausläufer des Gebirgszuges, der hier zur Steppe hin in kahlen Hügeln auslief, und obwohl das Dorf selbst nun in der Ferne durch einen Wald verdeckt war, ragten die Klippen von Jersina immer noch turmhoch auf.
Celdricks Sohn beschloss, es Morrin nachzutun. Er verspürte keinerlei Hunger und die Aussicht auf die dauerhaften Reserven regte seinen Appetit auch nicht unbedingt an. Er holte sich seine Decke vom Packpferd, legte sich nieder und benutzte sie als Kopfkissen. Später in der Nacht, wenn die Temperatur soweit fiel, dass ihm kalt wurde, würde er sich dann darin einwickeln.
Das leise Murmeln der Soldaten und ihr Gelächter beim Feuermachen begleiteten seinen Schlaf. Er hätte sich gewünscht, dass seine Träume nach allem, was sie bisher durchgemacht hatten, nun endlich angenehmer würden, aber weit gefehlt. Ihm träumte von Erdgeistern, die weit unter der Erde einen Weg nach oben gruben, um ihn hinab in ihr dunkles Reich zu ziehen. Bisweilen erwachte er, doch so sehr er sich auch mühte, die Lider offen zu halten und diesem Hirngespinst zu entrinnen, er träumte an derselben Stelle weiter, sobald er wieder eingeschlafen war.
Plötzlich erzitterte die Erde.
Conn glaubte zunächst, das Beben habe nur in seinem Traum stattgefunden, doch ein Aufschrei Eoras belehrte ihn eines Besseren. Einen grässlichen Moment lang sah er vor seinem geistigen Auge die Menschen sterben, die ihnen vorgestern noch Obdach gewährt hatten, als der himmelhohe Fels auf Jersina herabrutschte.
Sie waren alle auf den Beinen, starrten durch die Dunkelheit südwärts, wo sich eine gigantische Staubwolke gen Himmel erhob und die Nacht gespenstisch erhellte. Alik hielt die weinende Eora im Arm und suchte, sie zu beruhigen.
„Scheint, dass wir gerade noch rechtzeitig weggekommen sind“, stellte Conn gelassener fest, als er war, während er gegen den Schwindel und die Übelkeit ankämpfte, die ihm sein hastiges Aufspringen bereitet hatten.
Die Feuerhexe schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass er uns noch dort vermutet hat. Er hat es ihnen heimgezahlt, dass sie euch aufnahmen, als er seinen Sturm schickte.“
Conn war überrascht, dass sich die Feuerhexe tatsächlich herabließ, ihm zu antworten, sein Bruder jedoch reagierte vollkommen anders.
Kyes Kopf ruckte zu Morrin herum. „Er … er!“, stieß er ätzend hervor und deutete mit dem Finger auf Morrin. „Woher wissen wir denn, dass nicht du es warst, die die Felswand auf das Dorf herabstürzen ließ?! Die Dorfbewohner haben schließlich keinen Hehl aus ihrem Hass auf dich gemacht.“
Ihr Blick brandmarkte Kye als toten Mann.
Conn schauderte. Ein Wesen wie Morrin sollte man sich besser nicht zum Feind machen. „Er hat es nicht so gemeint“, versuchte er einzulenken.
Sie sprach kein Wort, doch der kurze Seitenblick, mit dem sie ihn nun bedachte, sagte deutlich, dass er sich besser heraushalten sollte.
Kye begann zu röcheln und erst jetzt bemerkten sie, dass er kaum noch auf seinen Füßen stand, dass ihn irgendetwas hochhob.
„Lass ihn los, Morrin!“, befahl Alik.
„Oder was?!“ Der Blick der Feuerhexe war eine einzige Herausforderung.
„Unverzüglich, bitte!“, sagte Conn mit leiser, ruhiger Stimme und legte seine Linke auf das Messer an seinem Gürtel. Diesem Stahl traute er durchaus zu, die Strecke durch die Feuerhülle schadlos zu überwinden. Sein Schwert lag am Boden neben seinem Lager, halb versteckt durch die Decke. Zu weit weg.
„Du bist doch gar nicht in der Verfassung, mir zu drohen, Bastard!“
Der junge Prinz lächelte. „Deshalb habe ich auch bitte gesagt!“ Conn hielt ihrem Blick stand, doch die Tränen, die ihm über die Wangen liefen, ließen seinen Augenausdruck weit weniger gefährlich wirken, als er es sich in dieser Situation gewünscht hätte. „Vielleicht strapaziere ich ja gerade mein Glück, aber Ihr solltet niemals annehmen, dass ich auch nur einen Augenblick zögern würde, mein Leben für das meines Bruders – oder Aliks – aufs Spiel zu setzen! Gebt ihn also frei, damit er sich entschuldigen kann!“
Sie wandte ihren Blick zurück zu seinem Bruder und Kyes Augen wurden noch ein wenig größer vor Schrecken.
„Sei’s drum!“
Morrin stellte Kye wieder auf die Füße und drohte ihm mit dem Finger. „Quatsch mich nie wieder so blöd von der Seite an – Thronfolger!“
Kye fuhr sich nervös mit der Rechten durchs Haar und brachte schließlich stammelnd eine Entschuldigung hervor: „Ich habe mich wohl vergessen. Es … es tut mir leid!“ Er schaute nicht wieder auf dabei.
„Glaubt ihr, es gab Überlebende?“, fragte Eora in die nachfolgende, unangenehme Stille hinein.
Conn war ihr ausgesprochen dankbar für ihr offensichtliches Bestreben, das Thema von Kye wegzulenken.
„Ziemlich unwahrscheinlich“, vermutete er. „Das Dorf liegt dicht beim Felsen. Es ist Nacht, die Bewohner lagen schlafend in ihren Hütten und dem Beben und der Staubwolke nach zu urteilen, die da aufgewirbelt wurde …“
Etwas kitzelte in seinem Hirn.
„Es gibt Überlebende.“
Sie alle starrten die Zauberin an. Ihr standen, so sie nicht nur die Freundin hatte beruhigen wollen, andere Möglichkeiten zu Gebote als nur bloße Vermutungen. Morrin gähnte, legte sich wieder hin und forderte alle auf, noch ein wenig Schlaf nachzuholen.
„Wie könnt Ihr in einem solchen Moment nur an Schlaf denken?!“ Kyes Gedächtnis schien kurz. Er stand vor der Feuerhexe, die Arme in die Seiten gestemmt.
Einer Eule gleich öffnete Morrin ein Auge und schaute damit hochmütig zu dem Prinzen hinauf. „Sicherlich glaubst du selbst nicht, dass auch nur einer dieser Leute wieder lebendig wird, wenn wir die Nacht durchwachen. Jetzt troll dich und geh einem anderen auf die Nerven!“ Sie schloss ihr Augenlid und ignorierte den wütenden Kye einfach.
Conn nahm seinen Bruder beim Arm und zog ihn fort von der Feuerhexe dorthin, wo Eora gerade das Feuer schürte. Auch die Soldaten warfen noch ein paar Äste auf ihres, um es wieder in Gang zu bringen.
„Komm schon! Was willst du denn damit erreichen?“
Kye folgte ihm widerstrebend. Seine finstere Miene drückte nur allzu deutlich aus, dass die gut gemeinte Geste für ihn nur wieder eine weitere Rüge war.
Heimlich seufzte Conn. Er hatte so darauf gehofft, dass Kye sein bockiges Benehmen nun, da sie endlich herausgefunden hatten, wohin ihre Suche nach Tholands Tochter sie führte, aufgeben würde. Aber, nein! Die Tatsache, dass sie nun einem angeblichen Mythos gegenüber standen, von dem Alik scheinbar schon lange gewusst und deshalb die Führung übernommen hatte – er zumindest fand das einigermaßen beruhigend -, förderte Kyes Kleingeistigkeit nur noch mehr zu Tage. War bisher nur er das Ziel der Überheblichkeit seines Bruders gewesen, verspritzte Kye sein Gift nun wahllos in alle Richtungen. Früher oder später würde er jedoch auf eine Nuss treffen, die zu hart zum Knacken für ihn war, und Conn hoffte inständig, dass es sein alter Erzieher sein würde, mit dem er aneinandergeriet, und nicht Morrin.
Wenn sie Glück hatten, würde die Zauberin diese Nacht bald vergessen. Die Chancen dafür standen aber besser, wenn sie alle noch etwas schliefen.
„Ich sehe auch zu, dass ich noch ein, zwei Stunden Schlaf bekomme“, kündigte Conn also an. „Morgen steht uns ein anstrengender Ritt bevor.“